Eine Hofdame in Weimar

„Fräulein von Göchhausen gehörte zu den Personen, die stets geneckt sein wollen und eher einen recht derben Scherz, als übersehen zu werden, ertragen können. Der Herzog Carl August, im jugendlichen Muthwillen, trieb allerlei Scherz mit ihr, wohl wissend, daß, je mehr er sie peinige, um so mehr es ihr gefiel.“ – So beschreibt die Weimarer Schriftstellerin Amelie von Voigt Luise von Göchhausen etwa 33 Jahre nach ihrem Tod.

Luise von Göchhausen kommt 1775 mit 23 Jahren an den Weimarer Hof, um Anna Amalias Gesellschaftsdame zu werden. Im selben Jahr übergibt Anna Amalia die Herrschaft an ihren Sohn und dieser bringt Goethe nach Weimar.

Luise zieht mit der Herzoginmutter ins Wittumspalais, sie bewohnt zwei Zimmer in der Mansarde. Ihre Zimmer sind mit Erinnerungs- und Sammlungsstücken dekoriert, die Wände mit einer Bildergalerie schöner Frauen.

Die Gesellschafterin bezieht in den ersten Jahren kein Gehalt. Aber als die Hofdame Charlotte von Stein 1783 aus dem Dienst ausscheidet, wird Luise endlich zur „Ersten Hofdame“ befördert und verdient jährlich 330 Reichstaler.

Luise findet ihren Platz

Luise ist nicht wie die anderen Hofdamen, schön und anmutig: Sie ist klein und verwachsen, ihre Gesichtszüge eher derb.

Wieland nennt sie ungalant „Gnomide“, die Grafen Stolberg geben ihr den Namen „Thusnelda“, am Hof ruft man sie schließlich „Thuselchen“. Sie bringt dennoch Glanz nach Weimar und ins höfische Leben, denn sie ist witzig, geistreich, besitzt einen scharfen Verstand und beißenden Spott.

Neckt man sie, so beweist sie Humor und ist nicht nachtragend.

Sie ist begeistertes Mitglied des Liebhabertheaters und zeigt ihr schauspielerisches Talent in meist dankbaren, komischen Rollen. Sie ist häufig auch Souffleuse.

Wenn sie vorliest, ist es eine Lust, ihr zuzuhören. Auf ihrem Vorleseplan für Anna Amalia stehen in der Regel die Weimarer Geistesgrößen, aber auch Selbstgeschriebenes, wie Gelegenheitsverse, Rätsel, Alltagsparodien.

Diese erscheinen im „Tiefurter Journal“, wie auch im Bertuchschen Magazin „Journal des Luxus und der Moden“.

Für die Herzoginmutter ist Luise bald unverzichtbar.

Luise ist unentbehrlich

Luise kann Wieland, Herder, Bertuch und Knebel ihre Freunde nennen. Auch Goethe schätzt sie als kluge Gesprächspartnerin.

Er fragt sie oft um Rat, auch in praktischen Dingen: Wem muss er nach einem Tanzabend wie viel Trinkgeld geben, oder welcher Rock ist für das Tauffest bei Bertuchs geeignet?

Luise schreibt Goethes „Urfaust“ ab, diese Abschrift wird erst 1887 in ihrem Nachlass gefunden.

Als Briefeschreiberin erweist sie sich als scharf beobachtende Chronistin des höfischen Lebens und dessen innerer Verhältnisse. Feste, Bälle, Redouten, Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen, Vorleserunden – die Geselligkeiten für Kulturliebende waren vielfältig.

Amalie von Voigt (1780–1840) schildert Luise als „nichts weniger als hübsch, ja verwachsen, doch machte sie ihre vortreffliche Unterhaltungsgabe, trotz ihres Aeußern, höchst einnehmend; sie verstand es ihn hohem Grade, mit Jedermann zu verkehren und einen Jeden in den Fall zu setzen, auch sein Scherflein zur Unterhaltung beitragen zu können und sich behaglich zu fühlen.“

Luises Tod

Als die Herzogin 1807 verstirbt, reißt für Luise der Faden des gemeinsamen Gesprächs, das immerhin 32 anregende Jahre lang besteht. Sie plant ihren Auszug aus dem verwaisten Wittumspalais und sucht sich eine Wohnung am Schweinsmarkt, dem heutigen Goetheplatz.

Doch nur fünf Monate nach dem Tod Anna Amalias stirbt sie.

Carl Ludwig Fernow beschreibt ihre letzten Lebensmonate so:

„Eigentlich war sie schon seit dem 10. April tot, sie war nur noch nicht gestorben. Amaliens Tod war auch der ihre ... Sie kam mir vor, wie ein Vogel, den man zeitlebens in einem Bauer gefüttert hat und dann spät im Alter wieder in die freie Natur aussetzt, wo er, ungewohnt, Futter und Nest selbst zu suchen, in der rauen Witterung verschmachtet.“

Luises Nachlass birgt einen Schatz

Im Jahre 1887, rund 80 Jahre nach Luises Tod wird in ihrem Sekretär die Abschrift von Goethes „Urfaust“ gefunden, eine Sensation in der literarischen Welt. Goethe hat die Originalfassung längst vernichtet, es war die Urform seiner berühmten Tragödie „Faust“.

Ein zierlicher Schreibsekretär im Rokokostil aus Luises Nachlass ist noch heute in der Beletage des Wittumspalais’ zu sehen.

Luise oder Friedrich Schiller? – Zwei ähnliche Köpfe

Nur 55 Jahre alt geworden, stirbt sie zwei Jahre nach Schiller und wird im Massengrab für verdiente Weimarer beigesetzt: im Kassengewölbe des Jakobsfriedhofs.

Friedrich Schiller und Luise von Göchhausen verbindet eine skurrile Geschichte:

Im Frühjahr 2008 untersuchen Forscher zwei Totenköpfe, die Schiller zugeordnet und bislang in der Weimarer Fürstengruft aufbewahrt wurden. Sie finden heraus, dass einer von ihnen, den der Weimarer Arzt Froriep für den echten Schiller-Schädel hielt, der von Luise von Göchhausen ist.