Darf ich mich vorstellen?

Ich bin Luise, die einzige Tochter des Eisenacher Schlosshauptmannes, meine Familie steht seit Generationen im Hofdienst.

Ich war schon als Kind bucklig und wusste daher früh, dass ich wohl niemals heiraten werde. Doch wie ergeht es einer Tochter aus gutem Hause, die man nicht verheiraten kann?! Sie wird in irgendeinem Kloster versteckt, wo sie bis an ihrem Lebensende versauert.

Ich aber liebte das Lesen und es machte mir Spaß, Neues zu lernen und viel zu wissen. Das war wohl auch mein Glück, denn ich wurde 1775 in den Kreis um Anna Amalia als Gesellschafterin aufgenommen. Natürlich ohne Bezahlung. Die Herzogin mochte meinen Witz, meine Klugheit und Schlagfertigkeit. Als in diesem Jahr das Schloss in Weimar brannte, bezog Anna Amalia das Wittumspalais und ließ dort auch für mich zwei Mansardenzimmer einrichten. Seitdem sind wir unzertrennlich. Ja, ich kann sagen, sie ist mir eine treue Freundin geworden.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die hässlichste im ganzen Land?

Wegen meiner verwachsenen Schulter war früher jeder Blick in den Spiegel wie ein Stich ins Herz. Ich hasste alle Spiegel und hätte am liebsten alle abgehängt.

Doch: Noblesse oblige, Adel verpflichtet. Mein Leben am Weimarer Hof verlangt, dass ich mich um mein Aussehen kümmere und das Beste daraus mache.

Aber was sehe ich, wenn ich in den Spiegel sehe? Heute bin ich für einen Ausflug mit dem offenen, zweispännigen Wagen gekleidet. Wir fahren nach Tiefurt, wo Prinz Constantin seine Zelte aufgeschlagen hat. Ich trage einen Strohhut, der kleiner ist als die übrigen Wagenräder, die jetzt in Mode sind. Aber wie sieht so ein Riesenrad auf einem so kleinen Körper aus? Der würde mich geradezu erdrücken. Nein, ich setze lieber diesen zierlichen Strohhut auf, mit der neckischen langen Feder, der im Takt meiner Schritte nickt.

Mein geblümtes Sommerkleid wird gekrönt durch das passende Fichu, das meinen Buckel geschickt umspielt.

Das Bemerkenswerteste an mir aber ist mein Blick. Er ist fest und mutig geworden, selbstbewusst und gerade heraus. Ich weiß, wo mein Platz ist. Und jetzt wissen auch alle „adligen Gänse“, wie Goethe sie nennt, dass der Weg zur Herzoginmutter über mich führt. Man respektiert mich, meine Meinung wird gehört. Und das ist mehr, als ich vom Leben erwartet habe.

Ja, ein kleines stolzes Lächeln kann ich nicht unterdrücken.