In Weimar brennt's

Ein schöner Tag ging am 5. Mai 1774 zu Ende. Doch gegen Abend kam ein Sturm auf und ich konnte lange nicht einschlafen. Zu laut schepperten Donner und Blitz vom Himmel. Irgendwann schlief ich dann ein, wurde aber mitten in der Nacht geweckt.

Es klopfte laut an meiner Tür. Ich sprang aus dem Bett: Wer konnte das zu dieser Stunde sein?!

Im selben Augenblick kam auch schon das Zimmermädchen Hermine in die Stube gestürmt, stammelte etwas von Feuer und mit einem Satz sprang sie an mein Fenster. Ich tat es ihr gleich und was ich sah, verschlug mir die Sprache. Aus dem Ostflügel des Schlosses loderten hohe Flammen gen Himmel!

Ich erstarrte vor Schreck. Das Schloss brannte!

Wir warfen unsere Kleider über, griffen nach Eimern und Gefäßen und eilten zur Unglücksstelle.

Draußen war ganz Weimar auf den Beinen. Männer und Frauen rannten an uns vorbei, wir wurden förmlich mitgerissen.

Eine Handvoll Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen, nach und nach bekamen sie Verstärkung aus der Umgebung.

Die herbei eilenden Weimarer reihten sich sofort in die Löschkette ein, schöpften ihre Ledereimer mit Ilmwasser voll und gaben sie von Hand zu Hand weiter, bis zu den Flammen. Wer eine Handpumpe besaß, wagte sich näher.

Doch das war ein aussichtsloser Kampf. Das Feuer hatte leichtes Spiel mit dem Dach, das hauptsächlich aus altem, trockenem Holz bestand.

„Möge die Ilm sich doch erbarmen, über die Ufer treten und sich über die Flammen legen!“ – dachte ich für einen Augenblick.

Die arme Herzogin war zu der Zeit krank und man holte sie in aller Eile in Pantoffeln und Negligé aus ihren Gemächern. Die anderen Mitglieder der herzoglichen Familie wurden auch schon in Sicherheit gebracht. Aber die Dienerschaft war in großer Schar in Aufruhr. Wie ein Ameisenhaufen trugen sie die wertvollen Möbel, Gemälde, Gerätschaften aus der Wilhelmsburg.

Es war höchste Eile geboten, denn manche der vergoldeten Sessel konnten nur noch angesengt aus dem brennenden Schloss gerettet werden. Vieles, darunter der schöne Theatervorhang, nur noch in verkohlten Fetzen. Die Männer stapelten die herzoglichen Güter bis zum Marktplatz und stellten den Reichtum und den Prunk ihrer Herrscher dadurch unwillkürlich zur Schau.

Auf der Ostseite, zum Stern hin, ein plötzlicher Tumult:

Ein junger Feuerwehrmann von der Ilmenauer Feuerwehr wurde tot aus den Trümmern gezogen!

Aber das Löschen musste weitergehen, denn das schreckliche Feuer machte keine Pause und fraß sich mit Gewalt durch alles, was sich ihm in den Weg stellte.

Bis zum Morgengrauen trotzten ihm die Menschen und versuchten zu retten, was zu retten war. Dann legte sich das Monster endlich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen war dann das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar: Das Schloss war beinah ganz abgebrannt! Die verkohlten Balken ragten klagend gen Himmel, wie abgenagtes, verwittertes Gerippe. Die Schlosskapelle „Himmelsburg“ war hin und auch die Theaterspielstätte.

Jetzt war es vorbei mit dem Theater, die Schauspieler mussten entlassen werden. Ich sah traurige Zeiten über uns hereinbrechen.

In den nächsten Tagen hielt noch der Ausnahmezustand. Die herzoglichen Habseligkeiten wurden von Wachen gehütet. Tag und Nacht schritten sie die endlose Reihe prunkvoller Güter ab. Immer wieder wurden Unglückliche gefasst, die etwas vom ausgestellten Reichtum stehlen wollten.

An ihre aschfahlen Gesichter kann ich mich heute noch erinnern, denn ihnen drohte der Tod durch Enthauptung.

Der Rauch legte sich inzwischen wie eine nasse Decke über alles. Die Hausfrauen klagten, dass alles nach Rauch schmeckte, ganz gleich, was sie kochten. Und dass ihre frisch gewaschene Wäsche grau wurde.

Und in der Tat gab es in jenen besagten Tagen keine anderen Düfte und Gerüche mehr in der ganzen Stadt, nur Rauch.

Anna Amalia hatte jedoch größere Sorgen.

Ihr Mutterherz war getroffen: Erbherzog Carl August war schon siebzehn, eine Braut musste bald her, aber so?? Ein Herrscher ohne Schloss hat geringere Chancen auf eine gute Partie. Und woher die Mittel nehmen, um das Schloss wieder aufzubauen?!

Zum Glück kann ich heute sagen, dass Carl August trotz alledem eine vortreffliche Braut gefunden hatte: unsere Herzogin Louise.

Das Schloss wurde erst später aufgebaut, unter Carl August, da hatten wir ja schon Goethe in Weimar.

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...