Wie ich „Thusnelda“ wurde

Meine Eltern gaben mir den Namen Luise bei der Taufe, aber am Weimarer Hof nannten mich fast alle nur „Thusnelda“ oder „Thusel“.

Wie es dazu kam?

Es war eine heitere Gesellschaft bei Anna Amalias „Tafelrunde“ versammelt. Neben den üblichen Gästen wie dem Maler Kraus und dem Kammerherr Einsiedel saßen auch neue Gesichter um den runden Tisch herum.

Goethe hatte wieder Gäste mitgebracht, die beiden jungen Grafen Stolberg, Dichter und „Originalgenies“ wie er selbst.

Der Abend begann recht artig und höflich. Erst wurde über Literatur gesprochen, ein wenig musiziert und das brachte die jungen Genies in Fahrt. Sie sangen auf einmal wilde Studentenlieder! Als sie merkten, dass ihre Gastgeberin sich über die derbe Sprache nicht störte, erlaubten sie sich mehr.

Zugegeben, mich hat ihr Witz auch mitgerissen und auch ich sparte nicht an schlagfertigen Konter.

Dann kam einer von ihnen auf meinen Namen, den ich bekanntlich mit der jungen regierenden Herzogin teile. „Luise“, meinte der eine, „Luise“ sei doch ein Name für die so edel langweilige Frau Carl Augusts, aber völlig unpassend zu meiner lebhaften, spritzigen, und, ja, buckligen Gestalt. Mich müsse man auf der Stelle umtaufen. Gesagt, getan.

So mancher Name wurde hervorgeholt und wieder verworfen, bis man auf „Thusnelda“ kam.

Thusnelda, die schöne, edle, starke Fürstentochter, die gegen den Willen ihres Vaters zu ihrem Geliebten hielt! Diese Figur besitzt so wenig Ähnlichkeit mit mir, dass meine Namensgeber von ihrer Idee begeistert waren.

Von dem Moment an wurde ich den Namen nie wieder los.

Doch ich bin längst damit versöhnt, manchmal mag ich ihn sogar, vor allem, wenn Anna Amalia mich besonders freundlich „Thusel“ oder „Thuschen“ nennt.

Die Brüder Stolberg waren nicht die Einzigen, die sich Späße mit mir erlaubten. Goethe und der Herzog Carl August waren darin selbst ziemlich einfallsreich. Den beiden saß allzu oft der Schalk im Nacken. Eines Abends, als ich von einer Theateraufführung nach Hause kam, fand ich plötzlich den Eingang zu meinem Zimmer nicht.

Es war schon dunkel, die Kerze in meiner Hand gab nicht sehr viel Licht. Überall tastete ich nur Mauer.

So irrte ich lange herum und fragte mich, ob ich verrückt geworden war und nun nicht mehr den Weg zu meinem Bett wusste, oder ob es hier mit dem Teufel zuging.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich diese Nacht verbracht habe, am nächsten Tag aber war das Gelächter auf meine Kosten groß: Der Herzog hatte die Tür zu meiner kleinen Wohnung zumauern lassen, um mir einen Streich zu spielen!

Dieser Schurke, mal unter uns gesagt!