Goethes bucklige Muse

Goethe und ich reden gern miteinander. Mal kommt er in mein Stübchen für eine Plauderstunde vorbei, mal schreiben wir uns Briefe. Ich rede ihn dabei scherzhaft „Liebster aller Geheimen Räthe“ an.

Er kommt oft zu mir und diktiert, was ihm in den Sinn kommt. Einmal hat er mich gezeichnet, wie ich am Schreibtisch saß und schrieb.

Nach geselligen Literaturabenden gibt mir Goethe oft das Manuskript zur Abschrift mit, aus dem er gerade vorgelesen hat. Er nennt mich scherzend seine „mobile Feder“.

Einmal war der „Faust“ dabei, so wie ihn Goethe aus Frankfurt mitgebracht hat. Ich habe ihn nachts bei Kerzenschein abgeschrieben.

Ich war später traurig zu hören, dass Goethe diese ersten Szenen der Faust-Tragödie vernichtete.

Offenbar hat er schon vergessen, dass in meinen Schubladen die Abschrift dieser Szenen schlummert – die wird man finden, wenn ich einmal nicht mehr bin.

An einem Sonnabend im Oktober 1800 kam Goethe zu meinem „Freundschaftstag“. Als die Gäste weg waren, blieb er länger und bat darum, mir ein kleines Festspiel diktieren zu dürfen.

Die Zeit drängte zur Eile, denn der Geburtstag der Herzoginmutter rückte näher und so diktierte er, in meinem Stübchen auf- und abschreitend, das Stück, wie es ihm gerade in den Sinn kam. Ich bewunderte seine Gabe, aus dem Stegreif ein Theaterstück aus den Ärmeln schütteln zu können, rief aber manchmal auch dazwischen, wenn es einmal wie Kraut und Rüben klang.

So kann ich beinahe behaupten, ich hätte am Stück mitgewirkt.

Kaum dass die Tinte trocknete, nahm er „Paläophron und Neoterpe“ schon mit, um die Rollen unter den Schauspielern zu verteilen.

Das Stück wurde am 24. Oktober auf Anna Amalias Geburtstag aufgeführt und wurde ein voller Erfolg.