Ganz Weimar an meinem Tisch

Es ist früh um sechs Uhr an einem kalten Januarmorgen im Jahr 1793. Noch dazu ein Sonnabend. Mein Sonnabend! Denn während halb Weimar noch im warmem Bett döst, stehe ich am Herd, in dem ein fröhliches Feuer prasselt, inmitten gaumenkitzelnder Düfte.

Die Zeit ist kostbar, denn heute ist „Freundschaftstag“: Zum Frühstück um neun nimmt ganz Weimar an meinem Tisch Platz!

Jedenfalls alles, was Geist und Rang hat. In den letzten beiden Jahren habe ich es geschafft, den Sonnabend für den Freundschaftstag zu reservieren und habe recht viel Erfolg damit. Denn das Frühstück besteht bei mir nicht nur aus delikaten Brötchen und meinem unwiderstehlichen Kaffee, beide sehr begehrt, nein, bei mir muss auch der Geist nicht hungern: Es gibt Lesungen, Rätsel und Musik. Die fröhliche Stimmung schätzen alle meine Gäste.

Manchmal wüsste ich nicht zu sagen, was sie mehr in meine Mansardenstübchen lockt.

Aber jetzt: an die Arbeit!

Unser Dienstmädchen Minette hilft mir, das Fleisch und das Gemüse für die Bouillon vorzubereiten. Damit verwöhne ich heute meine Gäste außer der Reihe. Ich weiß: Ihre Gaumen wagen es nicht, auf mehr als belegte Brötchen und Kaffee zu hoffen, wie an jedem Sonnabend.

Umso größer wird die Überraschung sein, wenn ich bei dieser Eiseskälte die heiße Bouillon serviere! Außerdem macht es mir Spaß, unseren französischen Koch Goullon an diesen Tagen zu ersetzen. Wann hat man denn als Hofdame schon die Gelegenheit, seine Kochkünste zu beweisen? Das Rezept für seine Bouillon hat Goullon nur schweren Herzens herausgerückt. Diese französischen Köche glauben immer gleich, sie seien Künstler. Ich musste ihm erst versprechen, das Rezept geheim zu halten.

Wie...?! Ihr findet das schade? Na gut, meinetwegen, bei Euch würde ich eine Ausnahme machen. Wenn ich nachher etwas Zeit habe, schreibe ich für Euch auf, wie man eine köstliche Bouillon macht. Einfacher als man denkt!

Aber das bleibt unter uns... Ihr wisst schon, Künstler sind sehr empfindlich...

Jetzt geht das Schmieren los: vor uns türmen sich die frischen Brötchenhälften auf drei Tabletts, wir bestreichen sie mit Gänseleber-Trüffelpastete, einer Creme mit Eiern und noch... tja was noch?!

Lasst mich kurz überlegen.

Ah! Just in diesem Augenblick kommt Anna Amalias Kammerdiener mit einem Geschenk der Herzoginmutter: einem kleinen Holzfässchen.

Als ich es aufmache, glänzen darin unzählige kleine dunkelgraue Perlen mit dem magischen Duft frischen Kaviars! Mmmh!

Die liebe Herzogin! Mit dieser Delikatesse setzt sie das Tüpfelchen auf das „i“ auf und verleiht meiner bescheidenen Tafel eine verschwenderische Note. Ich bin entzückt!

Wir geben den Kaviar großzügig auf die Butterbrötchen und richten sie hübsch auf den Tabletts an.

Draußen dämmert es langsam, die Eisblumen am Fenster sind geschmolzen. Höchste Zeit für die Bouillon! Minette gießt sie vorsichtig ab und fängt das Fleisch und das Gemüse auf.

Sie glaubt, ich hätte ihr unauffällig platziertes Deckelkörbchen mit dem kleinen Topf nicht bemerkt, in dem sie Reste verschwinden lässt. Glaubt sie sich unbeobachtet, legt sie Fleischstückchen und Gemüse hinein, sogar das gekochte Eiweiß, dass von dem Aufstrich übrig blieb.

Ich tue so, als bemerkte ich nichts, denn ich weiß, sie bringt die herrschaftlichen Brosamen zu ihrer armen Mutter, die jeden Sonnabend sehnsüchtig darauf wartet.

Ihr müsst mich entschuldigen. Draußen höre ich schon die ersten Kutschen ankommen. Ich eile zu ihrem Empfang. Vermummte Gestalten mit fröhlich-glänzenden Augen und vor Kälte roten Nasen finden Einlass. Minette hilft den Damen aus den Pelzen und ich bitte sie und die Herren nach oben.

Wenige Minuten später, wenn alle ihre Plätze gefunden haben, sind alle roten Nasen bereits überpudert und ein munteres Gespräch beginnt.

Erst sprechen wir über Neues in Weimar: In Goethes Haus ist die neue Treppe fertig. Sie ist viel größer als normale Treppen, sie nimmt bald das ganze untere Geschoss weg. Dennoch ist sie nicht unpassend. Denn auch unseren Freund Goethe kann man nicht mit gewöhnlichem Maß messen.

Heute wird er uns fernbleiben, genauso wie unsere Frau von Stein, die um ihren Mann trauert.

Fräulein von Imhoff berichtet lebhaft von der letzten Tanzveranstaltung, der junge Herr von Fritsch kann währenddessen nicht die Augen von ihr lassen. Siehe da, Amor hat sich in meine Stübchen verirrt! Das Gespräch kommt auf die Französische Revolution – Graf Brühl stimmt sogar die Marseillaise an, die die meisten von uns zum ersten Male hören.

Der kräftige Rhythmus des französischen Revolutionärenliedes jagt einigen Damen einen gehörigen Schrecken ein. Ich bitte ihn, mit dem Singen aufzuhören. Aber nun ist der Krieg in unserem Salon, der Krieg der Franzosen, der alle Fürstenhäuser abbrennen will.

Aber Frankreich liegt weit weg – so darf ich hoffen, dass uns dieses Schicksal erspart bleibt.

Ich bitte das Fräulein Wolffskeel, unser Rotkehlchen, einige Lieder zum Besten zu geben, danach lesen wir zusammen ein Theaterstück, auf Rollen verteilt.

Heute ist unser Programm gut gefüllt – also bleibt meine Schublade zu. Darin befinden sich Scharaden und Rätsel. Reißt der Gesprächsfaden ab, freuen sich meine Gäste immer über ein fröhliches Rätselraten.

Wie die Zeit vergeht! Es ist beinahe Mittag, als die Gäste aufbrechen.

Minette ist schon zur Stelle, um die Ordnung meiner Stübchen wieder herzustellen. Sie löst die strengen Schnüre meines Kleides und ich lasse mich erschöpft, aber zufrieden in meinen Lieblingssessel fallen. Das war doch ein gelungener Freundschaftstag, der seinem Namen alle Ehre macht! Doch nein! Noch ist keine Zeit zum Ruhen! Ich muss noch ein Versprechen einlösen: Ich setze mich an meinen Schreibtisch und schreibe für Euch das Rezept von Goullons Bouillon auf.

Gutes Gelingen und: bon appétit!