Das „Tiefurter Journal“ wird aus der Taufe gehoben

Im August 1781 erscheint folgende Ankündigung: „Es ist eine Gesellschaft von Gelehrten, Künstlern, Poeten und Staatsleuten, beyderley Geschlechtes, zusammengetreten, und hat sich vorgenommen als was Politick, Witz, Talente und Verstand, in unsern dermalen so merkwürdigen Zeiten, hervorbringen, in einer periodischen Schrift den Augen eines sich selbst gewählten Publikums vorzulegen.“

Aber was bedeuten diese Worte, geschrieben vor etwa 220 Jahren?

In etwa soviel: Eine Gruppe kluger und wichtiger Männer und Frauen will zusammen eine Zeitschrift gestalten und darin in witziger Sprache über „Merk-Würdiges“ aus ihrem Alltag berichten. Ihre Leserschaft ist handverlesen und selbst gewählt.

Was ist das Besondere am „Tiefurter Journal“?

Das Besondere an der Zeitschrift ist, dass darin sowohl Männer als auch Frauen, sowohl Adelige als auch Bürgerliche schreiben dürfen.

Zu dieser Zeit ist das geradezu revolutionär!

Um die Gleichheit noch mehr auf die Spitze zu treiben, erscheinen die Beiträge anonym. Es ist vielleicht passend, wenn wir uns die Zeitschrift wie einen Maskenball vorstellen:

Es geht dort witzig zu, es herrscht eine bunte Vielfalt und keiner weiß, wer hinter der Maske, in diesem Fall hinter dem Text, steckt. Das macht alle Beitragenden gleichwertig, unabhängig von ihrer Herkunft.

Der Inhalt des „Tiefurter Journals“ ist ein buntes Gemisch aus Anekdoten, Rätseln, Scharaden, Theaternachrichten, gereimten Geburtstagsgrüßen oder Todesnachrichten.

Es gibt lustige Grabschriften, Kurzkomödien, Romanzen, Gedichte, Übersetzungen aus dem Englischen, Spanischen, Griechischen, Persischen, Tatarischen.

Sein Grundton ist heiter, scherzhaft, es nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Um es mit Herder zu sagen: Das Journal von Tiefurt war das Ergebnis des „Spielens des Geistes“.

Wie kommt es zur Gründung des „Tiefurter Journals“?

Seit 1781 nutzt Anna Amalia das Gutshaus in Tiefurt als ihren Sommersitz. Sie veranstaltet Literaturabende, spielt im Liebhabertheater mit und ist die bestimmende Frauenpersönlichkeit im Weimarer Kulturleben.

Sie startet ein eigenes Literaturprojekt, das „Tiefurter Journal“. Herausgeberin ist sie selbst, Chefredakteur ist der Kammerherr Hildebrand von Einsiedel.

Die wichtigste Stütze dieses Projektes ist jedoch Luise von Göchhausen, Hofdame und treue Freundin Anna Amalias. Sie ist zugleich Sekretärin, Redakteurin und Mitautorin.

Luise, die gern und schön schreibt, erstellt das gesamte Heft handschriftlich, pro Ausgabe 11 bis 20 mal!

Wer liest das „Tiefurter Journal“?


Die Zeitschrift erscheint drei Jahre lang und wird von Hand zu Hand weiter gegeben.

Ihre Autoren und Leser rekrutieren sich aus den adeligen und gelehrten Kreisen in Weimar. Aber auch der Statthalter von Erfurt, Karl Theodor von Dalberg, gehört zu den ausgewählten Lesern. Goethes Mutter, Katharina Elisabeth, bekommt von Anna Amalia ein ganzes Paket Journale nach Frankfurt geschickt.

In ihrem Brief erklärt die Herzoginmutter: Das Tiefurter Journal sei „ein kleiner Scherz, den ich mir diesen Sommer gemacht habe, der so gut reüssieret hat, dass es noch bis jetzt continuiret wird; vielleicht wird es Ihnen auch einige gute Stunden machen.“

Das Ende des „Tiefurter Journals“

Da die Qualität der Beiträge sehr unterschiedlich ist, ziehen sich die großen Weimarer Dichter zurück und läuten damit das Ende der Zeitschrift ein, die im Juni 1784 mit der 47. Ausgabe endet.

Es sind nur fünf handschriftliche, unvollständige Exemplare des „Tiefurter Journals“ erhalten, die heute im Besitz des Goethe- und Schiller-Archivs sind.