Der märchenhafte Schatz

Es war ein heiterer Tag im Oktober 1804, wir hatten schönsten Altweibersommer. Ich kam von einem einsamen Spaziergang im Park zurück und wollte nach Hause in meine Wohnung ins Wittumspalais.

Gesellschaften waren jetzt langweilig, denn ganz Weimar sprach seit Wochen von nichts anderem mehr, als von der baldigen Ankunft Maria Pawlownas, unserer neuen Erbprinzessin aus Russland.

Mir ging das ganze Gerede gehörig auf den Geist! Denn sie war ja noch nicht einmal da, aber schon im Mittelpunkt!

Ich verließ gerade den Park, als ich etwas ungewöhnliches hörte: einen fernen Donnerschlag, der immer näher rollte!

Was um Himmels Willen konnte das sein?! Pferde?! Und Kutschen?!

Im nächsten Augenblick bog wie zum Beweis eine Pferdekutsche aus südlicher Richtung um die Ecke, gefolgt von einer nicht enden wollenden Reihe von Wagen, die allesamt am Fürstenhaus hielten. Der Platz war im Nu voll mit ihnen!

Donnerwetter, dachte ich, träume ich oder wache ich? Ich zwickte beherzt in meine Hand – es tat weh. Dann kann das nur eines bedeuten: der sagenhafte Schatz aus Russland ist eingetroffen! Maria Pawlownas Aussteuer!

Meine Füße setzten sich in Bewegung, ja, ich gebe zu, ich vergaß jede Zurückhaltung und rannte bald dorthin, wo schon eine kleine Menschenmenge stand und staunte.

Einige der Fremden trugen Reisekleidung, andere Uniform. Sie blickten mit dunklen Mandelaugen herum und machten sich sogleich an der Ladung zu schaffen. Aus dem Fürstenhaus eilten Bedienstete heraus und ein emsiges Hin- und Hertragen begann. Die Menge raunte, es wurden 80 Wagen gezählt!

Da ich kleinwüchsig bin, konnte ich bald nichts mehr sehen, denn all die Neugierigen achteten nur auf die Sensation, aber nicht auf mich...

So setzte ich bald meinen Weg zur Herzoginmutter fort und berichtete ihr alles haarklein. Anna Amalia hörte mir mit glänzenden Augen zu.

Ich weiß noch, in der Nacht träumte ich von den vielen Soldaten und Bauern, die die russischen Wagen begleiteten.

Ihre Kleider hatten einen fremden Schnitt, ihre Gesichter fremde Züge. Selbst die Kutschen hatten eine andere Form als die unsrigen. Wie gern wäre ich eingestiegen um mich von den kräftigen Pferden in jene fremde Welt bringen zu lassen, deren Luft bis zu uns nach Weimar geweht kam!

Doch sie waren bald fort und am nächsten Tag fragte ich mich, ob diese märchenhaften Gestalten wirklich bei uns waren oder nur in meinem Traum?

Doch Anna Amalia zerstreute bald meine Zweifel. Sie bat mich, sie zum Fürstenhaus zu begleiten. Dort gäbe es eine Schau, die Weimar noch nie gesehen hat: Maria Pawlownas Aussteuer wird ausgestellt! Alles bis zum letzten Knopf! Und jedermann dürfte sie sehen! Das war beispiellos.

Noch bevor am nächsten Tag der Ansturm der Bevölkerung beginnen würde, durften Anna Amalia und ich uns alles in Ruhe anschauen.

Der Eintritt in diese Räume war wie das Betreten eines fremden Planeten, einer Märchenwelt, von der man schon viel gehört hatte, aber noch nie etwas zu Gesicht bekam. Zehn fürstliche Räume waren mit der Habe der Zarentochter auf das geschmackvollste gefüllt!

Es ist keine geringe Aufgabe, alles zu beschreiben.

Im ersten Saal standen drei lange Tafeln, beladen mit kunstvoll gearbeitetem Silberservice für 40 bis 50 Personen. Daneben standen Töpfe und Terrinen mit vergoldeten Einsätzen und zahlreiche verzierte dreiarmige Kerzenleuchter. Vasen, bemalt mit alten griechischen Motiven aus Glas, Porzellan und Silber, Dessertschälchen in allen Ausführungen.

Ganze Kaminwände aus russischem und italienischem Marmor, Spiegelwände, Glasmalereien schmückten den nächsten Raum.

Ein kostbares Service aus der Petersburger Kaiserlichen Porzellanfabrik für einhundert Personen war hier zudem zu bestaunen.

Ein ganzes Zimmer war mit Küchengeräten gefüllt. Angefangen vom typisch russischen Samowar bis zum letzten Kochlöffel war dort alles zu finden, was man je in einer Küche gebrauchen würde.

Berge von Stoffservietten und Tafeltüchern türmten sich bis zur Decke des nächsten Raumes.

Hier war ein ganzes Speisezimmer mit den edelsten Materialien eingerichtet.

In einem weiteren Raum fanden wir die vollständige Einrichtung einer russisch-orthodoxen Kirche, der so genannten „Griechischen Kapelle“. Maria Pawlowna wollte nur unter der Bedingung heiraten, dass sie in Weimar ihren Glauben weiter ausüben durfte. Da es hier aber keine orthodoxe Kirche gab, hat sie sie kurzerhand mitgebracht. Samt Erzpriester, Diakon und Psalmisten aus Russland.

Sogar ein eigener Chor russischer Sänger gehörte dazu. Aber die waren natürlich nicht ausgestellt. Die Gewänder für die Priester und Sänger dafür schon, sowie die heiligen Bücher und das kostbare Ölgemälde. Aber die Krönung kam zum Schluss: alle heiligen Geräte waren aus purem Gold!

Wer kann die vielen kostbaren Möbelstücke und Stoffe beschreiben, die die nächsten Zimmer belegten?!

Darunter sollte ich vielleicht das große, prunkvolle Thronbett erwähnen, sowie den Toilettentisch aus geschlagenem Silber mit goldenen Aufsätzen. Der Traum einer jeden Prinzessin!

Erstaunt rieb ich mir die Augen, als ich einen der letzten Räume betrat: Feinste Unterwäsche, auf mehreren Tafeln aufgehäuft, blendete mich geradezu. Ich ging lieber weiter zu den seidenen Tapeten und den teuren Pelzen.

Ganz benommen taumelte ich am Ende des Rundgangs aus dem Fürstenhaus heraus. Selbst Anna Amalia, die einst ein Land beherrschte, rang um die richtigen Worte.

Die fand dann ein Zeitungsmann, der im „Journal des Luxus und der Moden“ über dieses Ereignis berichtete. Erst nachdem er alle Räume durchwanderte, bemerkte er im neunten Raum den kostbarsten Schatz:

„In bescheidener Entfernung stand nämlich hier die kleine auserlesene Russische Hand-Bibliothek, die Harfe und das Fortepiano unserer hochverehrten Frau Großfürstin: schöne Zeichen ihrer Liebe für Wissenschaften und Künste. Diese werden auch an unserer jungen edlen Fürstin und ihrem vortrefflichen Gemahl gewiss eifrige Beschützer finden.

Die edle Tochter der großen Maria Fjodorowna brachte uns die hohen Tugenden und Vollkommenheiten der Kaiserlichen Mutter: kann sie dann anders als segnend und beglückend für uns und unser Land wirken?“