Köchin adé!

Charlotte Hoyer ist im Begriff zu gehen. Sie ist bis zum heutigen Tage Köchin im Hause Goethe gewesen, aber nun ist sie entlassen.

Leise fluchend packt sie ihre Siebensachen, doch wenn sie Goethe oder mich sieht, schmeichelt sie und lässt nichts unversucht, um bleiben zu dürfen.

Einerseits tut sie mir leid – denn wohin soll sie jetzt die Ärmste? Andererseits ist sie ein echter Problemfall.

Gestern hat mir Goethe Charlottes Zeugnis diktiert. Da ich jetzt in seinem Haus lebe, arbeiten wir oft zusammen.

Eigentlich sollte es ein Empfehlungsschreiben werden, damit sie bald irgendwo eine neue Anstellung findet. Aber Goethe war keineswegs zufrieden mit ihrem Charakter.

Anstelle, dass sie ihm kochte, was er essen wollte, kochte sie nach Gutdünken. Es war manchmal, dass Goethe deshalb selbst vor Wut kochte.

Sie sei „eine der boshaftesten und incorrigibelsten Personen“ und er könne ihr nur ein„freilich nicht sehr empfehlendes Zeugnis bey ihrem Abschiede“ geben, erklärte er mir und diktierte:

„Charlotte Hoyer hat zwey Jahre in meinem Hause gedient. Für eine Köchinn kann sie gelten, und ist es zu Zeiten folgsam, höflich, sogar einschmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hat sie sich zuletzt ganz unerträglich gemacht.

Gewöhnlich beliebt es ihr nur nach eignem Willen zu handeln und zu kochen; sie zeigt sich widerspenstig, zudringlich, grob, und sucht diejenigen die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden.

Unruhig und tückisch verhetzt sie ihre Mitdienenden und macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, das Leben sauer. Außer anderen verwandten Untugenden hat sie noch die, daß sie an den Thüren horcht.“

In heutiger Sprache könnte man auch sagen:

„Charlotte Hoyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Sie kann kochen und ist manchmal folgsam, höflich, sogar einschmeichelnd.

Aber durch die Ungleichheit ihres Benehmens hat sie sich sehr unerträglich gemacht.

Sie kocht gewöhnlich nach Gutdünken, ist widerspenstig, zudringlich, grob und ermüdet dabei ihre Arbeitgeber. Unruhig und tückisch, beeinflusst sie auch die übrigen Dienstboten und wenn diese nicht nach ihrer Pfeife tanzen, macht sie ihnen das Leben schwer. Neben einer Reihe ähnlicher schlechter Eigenschaften hat sie noch die, dass sie an den Türen horcht.“

Ich weiß, es ist immer eine Glückssache mit den Köchinnen. Das scheint auch August, Goethes Sohn, bereits gelernt zu haben, als er an einem 1. Januar seiner Mutter Christiane seine guten Wünsche zum Neuen Jahr übermittelte:

„An meine liebe Mutter! Ich wünsche Ihnen zum Neueniahre eine gute Köchin, die Sie niemals ärgern thut.“

Wir werden hier bald eine Neue haben, dessen bin ich sicher. Denn wer will nicht beim Geheimrat Goethe arbeiten?

Aber, da fällt mir ein: Was gibt es heute bloß zum Essen?!