Goethes Gartenhaus

Lasst Euch von mir zu einem besonderen Ort führen, zu einem Häuschen mit einem Garten, das Johann Wolfgang Goethe eine erste Heimat in Weimar bot!

Es war ein Sonntag Ende April 1776. Meine Mutter, meine zwei Brüder und ich bahnten uns unseren Weg auf einem grün bewachsenen, schmalen Pfad durch die Wildnis vor Weimars Toren.

Der Neu-Weimarer Goethe wollte uns sowie dem Dichter Wieland und dem Herzog Carl August sein neues Gartenhäuschen zeigen.

Der junge Herzog fand den neun Jahre älteren Dichter Goethe schon bei ihrer ersten Begegnung in Karlsruhe so großartig, dass er ihn gleich einlud, ein Bürger Weimars zu werden.

Aber ein Bürger ist in Weimar kein Bürger ohne ein eigenes Haus.

So griff der Herzog tief in seine Geldschatulle und schenkte Goethe dieses zweistöckige Häuschen vor den Toren der Stadt, inmitten einer grünen Landschaft.

Doch oje! Das Häuschen war beinahe eine Ruine, von wucherndem Grün umgeben! Und nicht einmal groß: ganze 7,5 mal 10 Meter. Für Goethe eine Herausforderung: Wer ihn von seinen Plänen reden hörte oder einen Blick auf seine Zeichnungen warf, durfte gespannt sein auf die Verwandlung.

In den nächsten Wochen wurde kein Aufwand und kein Geld gescheut: Zwei Dutzend Helfer reparierten das Dach und die Fußböden, strichen die Wände, säuberten das Gelände, legten den Garten an und füllten ihn mit frischer Erde auf.

So oft ich konnte, besuchte ich das Gartenhäuschen und fand dort meist auch Goethe vor, der alle Arbeiten überwachte.

Meiner Mutter Charlotte musste ich immer haarklein berichten, wie weit der Umbau schon gediehen war. Manchmal kam sie selbst, um sich von den Fortschritten zu überzeugen und freundete sich bald mit Goethe an.

Er bat sie um Rat, wie die Möbel aussehen sollten, die ihm der Hofebenist Mieding auf Kosten des Herzogs schreinerte.

Mutter war bald überzeugt, dass Goethe ein sehr kluger und tüchtiger Mann sei, der es noch weit bringen würde.

Da unsere Mutter eine so hohe Meinung von Goethe besaß, tat sich für uns Brüder das Paradies auf: Waren wir Kinder besonders artig, so durften wir im Gartenhaus übernachten und mit Goethe undseinem Diener Philipp Seidel Pfannkuchen backen. Danach las er uns häufig aus alten Märchenbüchern vor.

Abends waren wir von tiefer, dunkler Nacht umgeben und sahen über die Wiesen die erleuchteten Fenster des herzoglichen Schlosses. Goethe saß still auf einem einfachen Stuhl und zeichnete die vom Mond beschienene Wiese und Bäume vor seinem Fenster mit Bleistift oder Kreide. Manchmal zeichnete er auch mich.

Eines Abends nach dem Abendessen waren wir so sehr im Gespräch vertieft, dass wir erst aufmerkten, als die Dunkelheit schon über uns hereingebrochen war.

Wir suchten nach dem Feuerzeug, doch es lag nicht an seiner gewohnten Stelle. Goethe schlug vor, Blindekuh zu spielen, und das taten wir, heiter und immer ausgelassener, etwa eine viertel Stunde lang. Bis der Diener Seidel dann Feuer machte und die Kerzen anzündete.

Wenn ich im Gartenhaus übernachtete, teilte ich das Schlafzimmer mit Goethe. Er ist ein Frühaufsteher, doch ich gab mir alle Mühe, vor ihm wach zu werden.

Das hatte seinen guten Grund, denn ein besonderes Weckritual wurde hier zur lustigen Gewohnheit: Wer zuerst wach wurde, weckte den anderen mit einem gut gezielten Pantoffel...

Einmal brachte ein Jäger einen kleinen Fuchs ins Gartenhaus, Goethe sorgte für ihn einige Tage lang. Im Spätsommer kehrte Ruhe ein und Goethe widmete sich nun dem Garten.

Noch im ersten Herbst pflanzte er einige Linden, im nächsten Jahr Eichen, Buchen, Fichten und Wacholder. Aus Frankfurt ließ er einige Weymouthskiefern kommen. Bald wuchsen dichte Hecken, die den Garten von den Wiesen trennten und in seinem Inneren Blumen- und Gemüsebeete. 

Jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, machte er mich mit den neuen Bewohnern seines Gartens bekannt. Wie zum Beispiel mit dem „Altar des guten Glücks“, aber das ist ja schon eine andere Geschichte.