Die Sperlingsbrut

Ein Wochenende ganz allein!

Es war ein Sonntag im Jahr 1784, als ich aufwachte und gleich wusste: heute gehöre ich mir ganz allein! Mutter war zum Gottesdienst gefahren und anschließend zum Tee nach Tiefurt; Goethe war in Italien und ich hatte Ferien.

Ich stürzte hastig meinen Kaffee herunter, zog meine schlechtesten Hosen an, die Mutter nicht mehr ausbessern lassen wollte und ging in Richtung Sperlingsberg. Ich suchte Wilhelm, den ich beim Theater kennen gelernt habe.

Wilhelms Vater war Schauspieler, aber die meiste Zeit arbeitslos und hielt seine Familie als Tagelöhner über Wasser.

Die Familie wohnte in der Jakobsvorstadt, dem Viertel mit den meisten Kindern.

Die Kinder vom Sperlingsberg waren wild, laut und jederzeit zu einem derben Spaß bereit. „Hüte dich vor der Sperlingsbrut!“ hörte ich meine Mutter sagen. 

Ich steckte meine Hände tief in die Hosentaschen und genoss, dass ich hier tun konnte, was ich sonst nie durfte. Geduckte Häuser mit kleinen, dunklen Zimmern, reihten sich aneinander in unregelmäßigen Abständen, die meisten mit winzigem Garten, Holzstall und Vieh.

Es waren hauptsächlich Ziegen, die hier das frische Gras vom Straßenrand fraßen. Warmer Stallgeruch hing in der Luft, zerfurcht vom Summen von Millionen von Fliegen: auf Schritt und Tritt lagen tierische Abfälle.

Als ich in die Straße einbog, bemerkte ich sofort die Gruppe von Jungen, die an einem Gartenzaun mit ihren Murmeln spielten. Ich fühlte meine Jackentasche: auch ich hatte meine Murmeln dabei und stellte mich zu ihnen.

Der Junge in der Mitte drehte sich zu mir um und fragte: „Willst mitspielen?“ Es war Wilhelm. Und als ich nickte: „Haste Marmeln?“ Woraufhin ich tief in die Jackentasche griff und fünf kunstvoll marmorierte Murmeln herauszog.

Er pfiff anerkennend und warf seine erste Murmel in Richtung des Zauns.

Wilhelm war zwar nicht der Größte, doch gewiss der Anführer der Sperlingsbrut.

Seine großen, schwieligen Hände waren rau von der Feldarbeit und die schwarze Erde grub sich tief unter seine Nägel und in jede Furche seiner Finger hinein.

Er hatte sich einmal bei Goethe im Theater gemeldet und wollte einen Bauernjungen spielen. Ich hatte ihm geholfen, damit er es wurde und ihn somit zu einem Taschengeld verholfen.

Ob er das noch wusste?

Noch ehe ich mit dem Werfen dran war, kam ein Wagen in die Straße gebogen, von zwei Pferden gezogen.

Wie von der Tarantel gestochen, rannten die Jungen, wie ein Mann, schreiend auf die Pferde zu und wichen ihnen nur knapp aus. Der Kutscher schimpfte und musste seine ganze Kraft anspannen, um die Pferde zu zügeln. Aber sie ließen nicht locker: unter lautem Gejohle liefen sie blitzschnell über die Straße, immer sehr nah an den schreckhaften Pferden vorbei.

Diese hielten nicht lange an sich und liefen davon, und alle Jungen liefen brüllend und wetteifernd hinterher, unter den wüsten Beschimpfungen des Kutschers, bis der Wagen nicht mehr einzuholen war.

Durch die Straßen voller Unrat, die unbefestigt waren und bei Regen stark aufweichen konnten, entwickelten die Kinder eine eigene Art der Fortbewegung: wie eine Herde junger Antilopen aus den Savannen Afrikas hüpften sie über Steine und Löcher hinweg, und schlugen geschickt Haken nach links und rechts, um auch die stinkenden Häufchen zu vermeiden.

Ich bog mich vor Lachen bei diesem ungewohnten Schauspiel.

Wilhelm trat an mich heran und sagte: „Muss jetzt nach Hause. Mittagessen. Komm mit, wenn du willst.“

Vor Freude verschlug es mir die Sprache, doch ich nickte und schon gingen wir beide, Schulter an Schulter und die Hände in den Taschen vergraben, die Straße hinauf, an deren Ende, am Abhang, Wilhelms Haus stand.

Das Haus war zweistöckig, wobei nur das Erdgeschoß aus Stein gemauert war und das Obergeschoß Fachwerk.

Die Tür zur Küche war weit offen und als wir eintraten, setzte sich die Familie gerade an den Tisch. Der Vater begrüßte mich freudig überrascht: „Ach! Der junge Herr von Stein! Welch seltener Besuch!

Treten Sie ein! Verschmähen Sie nicht unsere bescheidene Tafel!“

Er ließ mich zu seiner Rechten Platz nehmen. Wilhelms jüngere Geschwister, vier an der Zahl, musterten mich aus großen, neugierigen Augen.

Die Mutter, die zuvor Haare und Schürze glatt gestrichen hatte, stellte nun eine große, dampfende Schüssel in die Mitte des Tisches und setzte sich zuletzt. Es gab Suppe.

Der Vater sprach das Gebet und hob seinen Löffel.

Doch: Wo waren die Teller?

Jeder hatte einen Löffel und ein Stück Brot bekommen, zudem stand eine einfache Tonkaraffe mit Wasser auf dem Tisch. Dazu einige Becher, ebenfalls aus Ton. Ich nahm einen Schluck Wasser, es schmeckte leicht erdig.

Ich sah mich um. Um uns herum grobe, bäuerliche Holzmöbel, ein einfach gezimmerter Tisch und Stühle. Die Wände waren mit gelbem Kalk angestrichen.

Vor den Fenstern hingen Vorhänge aus Mull. Außer einer Laterne und einigen billigen Talgkerzen sah ich hier keine Lichtquelle. 

Ich dachte an die prachtvollen Kronleuchter bei uns zu Hause, an die prunkvoll gerahmten Spiegel und Bilder, an die Teppiche und die mit feiner Stofftapete bespannten Wände. Hier sah ich kein Glas, kein Porzellan. Ich dachte an Mutters fein bemaltes Sonntagsgeschirr.

Mir kam es vor, als fehlten hier die Farben.

Ich sah, dass der Hausherr mit seinem Löffel direkt aus der dampfenden Schüssel schöpfte und tat es ihm gleich.

Die Suppe war köstlich und reich bestückt mit frischem Gemüse und Fleisch. Ich lobte ihren guten Geschmack und die Hausfrau wurde rot vor Freude. „Wir danken Gott, dass er uns an Sonntagen an Fleisch nicht mangeln lässt. Davon wächst diese Kinderschar.“ - sagte der Vater und schaute gut gelaunt über die Köpfe seiner fleißig löffelnden Kinder.

Auf dem Hof lärmten die Hühner, nur das Meckern von Ziegen unterbrach ihren Streit. Mir war warm und wohl im Magen und ich dankte für das Sonntagsmahl.

Ich küsste die Hand der Mutter und dankte dem Vater, dass er einen beinah Fremden an seinen Tisch geladen hat. 

Bevor Wilhelm mich hinaus begleitete, kam mir eine Idee und ich griff nach den fünf Murmeln in der Tasche.

Ich ließ sie in Wilhelms große Hand gleiten und sagte: „Für deine Geschwister als Andenken.“

Für einen Moment schaute er mir ungläubig in die Augen, doch dann schlossen sich seine Finger um die Murmeln und er ließ sie in einer Falte seiner Jacke verschwinden. 

Ich winkte zum Abschied und ging leichten Herzens den Abhang am Sperlingsberg hinunter, die Fäuste tief in den Taschen vergraben.

Ich pfiff leise vor mich hin und dachte: Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so gut zum Sonntag gegessen, wie heute!