Die schwarze Weihnacht

„Wer ist Goethe?“ Diese Frage stellt sich heute keiner, der seinen Namen kennt. Denn Goethe hat seinen festen Platz am Literaturhimmel. Er ist der größte deutsche Dichter, hier in Weimar noch zusätzlich Minister und Staatsmann.

Trotzdem ist Goethe immer für eine Überraschung gut!

Einmal zu Weihnachten hat er beispielsweise beschlossen, am Heiligen Abend nicht zur Kirche zu gehen.

Seine Entscheidung hat er nicht etwa für sich behalten, nein, er hat sie gleich an die große Glocke gehängt. Er hat sich sogar vom Pastor für die Weihnachtszeit einen Band des antiken Dichters Homer ausgeliehen!

Homer besang bekanntlich andere Götter als der Pastor.

Aber Goethe beließ es nicht nur beim Lesen.

Statt des Krippenspiels veranstaltete er eine Scharade, die die sieben Todsünden darstellen sollte: den Geiz, die Wollust, die Faulheit, die Völlerei, den Neid, den Zorn und den Stolz.

Und ratet mal, welche Todsünde er verkörperte? Er stolzierte, alle überragend, auf Stelzen, in prunkvollen Kleidern und mit echten Pfauenfedern geschmückt.

Ihr habt es erraten: den Stolz.

Ich muss gar nicht sagen, dass er mit dieser gänzlich unheiligen Veranstaltung am Heiligabend so manche Gemüter hier in Weimar verärgert hatte. Aber Goethe hatte immer ein feines Gespür dafür, wie weit er gehen durfte, damit die Türen vor seiner Nase nicht endgültig zugeknallt wurden.