„Altar des guten Glücks“

Es war der 6. April 1777. Wir hatten gerade gefrühstückt, als der Diener einen Brief brachte. Vom Büttenpapier leuchtete uns Goethes Handschrift entgegen: „Meiner hochverehrten Charlotte von Stein“.

Meine Mutter nahm das Briefchen vom Silbertablett und las es mit freudig geröteten Wangen. Joseph meldete höflich, dass Goethes Diener, Philipp Seidel, draußen auf Antwort warte.

Wie beiläufig bat mich Mutter daraufhin, bald fertig zu sein, um sie zu Goethe zu begleiten, der uns eine Überraschung zeigen wollte. Ihre bebende Stimme verriet aber die Freude, die sie über diese Einladung empfand.

Wäre sie nicht so vornehm, wäre sie am liebsten wild durch das Zimmer gehopst! Sie kritzelte eilig eine Antwort auf die Rückseite und ließ sie dem Diener Seidel bringen.

Meine Mutter benahm sich, als wäre sie verliebt. Denn sobald Goethe rief, ließ sie alles andere stehen und liegen, um bei ihm zu sein, sofern sie es einrichten konnte.

So saßen wir bald in der Kutsche und stiegen nach wenigen Minuten vor dem Gartenhäuschen aus, an dessen Wänden hübsche Kletterrosen rankten.

Es war ein warmer Frühlingstag und Goethe stand barhäuptig vorm Gartentor und half meiner Mutter, aus der Kutsche auszusteigen. Ein junger Mann von 27 Jahren, nicht sehr groß, vornehm gekleidet und mit dunklen, lebhaften, klugen Augen.

Seine Kleidung bestand aus ledernen Schuhen mit großen silbernen Schnallen, feinen Strümpfen aus Baumwolle, Kniebundhose, weißem Leinenhemd mit Weste und sehr feinen Manschetten.

Er lobte den Hut meiner Mutter und bat sie um Erlaubnis, ihr die Augen verbinden zu dürfen.

Nach einigem Zögern willigte sie ein, da sie so bald wie möglich das Geheimnis erfahren wollte. So stützten wir sie von links und rechts durch das Gartentor und bogen noch vor dem Haus links, tief in den Garten hinein.

Da nahm Goethe die Binde ab und rief: „Voilà!“

Vor uns stand ein steinernes Etwas: eine Säule, tief in die Erde gegraben, darauf ein Ball.

„Um Himmels Willen, was ist das?!“ – rief Mutter aus, halb neugierig, halb enttäuscht.

„Ich hoffe, ich übertreibe nicht, wenn ich es den „Altar des guten Glückes“ nenne.“ – gab Goethe zurück und betrachtete die Skulptur zärtlich.

„Eine hübsche Unmöglichkeit: eine Kugel auf einem Würfel?! Was hat das zu bedeuten?“

Plötzlich sah mich Goethe fragend an und ich überlegte, dass die Kugel doch eigentlich rollen müsste. 

„Genau!“ – rief Goethe aus und erklärte, dass die rollende Kugel das unstete, immer bewegliche Glück bedeute, festgehalten auf dem Würfel der Ruhe und der Festigkeit.

Dieses Bild bedeutet für ihn den Augenblick des guten Glückes, der die Kugel just auf dem Mittelpunkt des Würfels festhält.

Goethes Begeisterung steckte auch mich an und auch Charlotte von Stein wirkte immer mehr beeindruckt von der Skulptur und den Erklärungen ihres Freundes.

Was mich angeht, weiß ich nur eines: um eine Kugel zum Stehen zu bringen, braucht es entweder Glück, damit es windstill ist und die Kugel nicht rollt, oder eine ungeheure Kraft, wie die des Steines in Goethes Garten. 

Ich glaube, Goethe hat beides: Glück und die Kraft, um es festzuhalten.