Wer bin ich?

Ich heiße Caroline, mit ganzem Namen Caroline Friederike Luise Schiller. Ich bin am 11. Oktober 1799 in Jena geboren und lebe jetzt in Weimar.

Unser Haus ist gelb mit grünen Fenstern und steht direkt an der Esplanade. Hier gehen alle wichtigen Leute der Stadt spazieren. Meine Brüder Carl und Ernst teilen sich ein Zimmer unter dem Dach.

Emilie ist noch ein Baby, sie schläft in der Wiege im Schlafzimmer meiner Mama. Sie heißt Charlotte. Mein Zimmer liegt daneben. Wenn ich mich aus dem Fenster lehne, sehe ich unseren kleinen Garten mit der Kegelbahn und höre das Geplapper der Waschfrauen. Von hier oben sieht man den Turm der Stadtkirche, in der sonntags Onkel Herder predigt. Schaue ich zum Wohnzimmerfenster hinaus, könnte ich all den Spaziergängern geradewegs auf den Kopf spucken.

Aber das tue ich natürlich nicht. Denn schon Öfters sah ich die Herzoginmutter Anna Amalia die Promenade entlang wandeln und am Brunnen die Fische füttern. Und sie ist sehr liebenswert.

Mein Vater heißt Friedrich und ist ziemlich berühmt. Aber zu Hause spielt er mit uns Kindern oft "Löwe und Hund" und kriecht knurrend auf allen Vieren im Zimmer herum. Oft müssen wir aber lange auf ihn warten, denn er ist ein richtiger Langschläfer.

Er ist ein Dichter und schreibt meistens bis tief in die Nacht. Dann steht er selten vor 11 Uhr auf. Er frühstückt gar nicht, sondern setzt sich gleich mit uns an den Mittagstisch. Er ist dann witzig und bringt uns oft zum Lachen. Um auf andere Gedanken zu kommen, macht Papa lange Spaziergänge im Ilmpark oder am Schloss Belvedere. Papa ist aber auch häufig krank. Dann ist er zu schwach zum Spazieren gehen und will lieber mit der Kutsche an die frische Luft. Unser Hauslehrer Voß fährt ihn dann aus.

Meine Mama kümmert sich am meisten um uns. Sie bringt uns alles bei und hat ziemlich viel Geduld. Sie schickt uns in die Mal- und Zeichenschule und nimmt auch selbst Unterricht. Der Landschaftsmaler Hackert malt mit ihr bei uns zu Hause. Papa sagt, ihre Bilder werden immer besser.

Ab und zu schreibt Mama Gedichte und Erzählungen. Aber sie wird immer rot, wenn man sie darauf anspricht.

Vielleicht ist das wegen Goethe. Wenn Frauen dichten, nennt er das "Frauenzimmerlichkeiten" - nicht sehr charmant, finde ich.

Mit Hilfe der Dienstboten kümmert sich Mama um den Haushalt und pflegt meinen Vater, wenn er krank im Bett liegt. Er ist ihr dafür sehr dankbar.

So sagte er einmal: "Meine Krankheit hat dadurch, dass sie mich ganz außer Tätigkeit setzte, uns so aneinander gewöhnt, dass ich sie nicht gern allein lasse. Auch mir macht es, wenn ich auch Geschäfte habe, schon Freude, mir nur zu denken, dass sie um mich ist; und ihr liebes Leben und Weben um mich herum, die kindliche Reinheit ihrer Seele und die Innigkeit ihrer Liebe gibt mir selbst eine Ruhe und Harmonie, die bei meinem hypochondrischen Übel ohne dies fast unmöglich wäre.

Wären wir beide nur gesund, wir brauchten nichts weiter, um zu leben wie die Götter."