Mein Vater Friedrich

„Glücklicher Säugling! Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege. Werde ein Mann, und dir wird eng die unendliche Welt.“

Als Johann Christoph Friedrich Schiller am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren wird, gibt er Anlass zur Sorge. Ein dünner Kerl, blass, kränklich, seine ganze Kindheit lang. Sicher ist sicher: die Mutter lässt ihn gleich am nächsten Tag taufen.

Der Vater ist fort: als Militärarzt in der Armee Karl Eugens von Württemberg kümmert er sich um die Verwundeten des Siebenjährigen Krieges. Doch sein einziger Sohn Friedrich hat noch Großes vor. Er überlebt.

Schillers wohnen eng: eine Wohn- und Schlafstube, eine fensterlose Küche. Der Vater wird öfters versetzt, die Familie zieht hinterher.

Die Mutter aus adeliger Familie müht sich um eine gute Bildung der Kinder.

Sie bringt Schiller gute Manieren und das Beten bei.

Friedrich will Pfarrer werden. Der Achtjährige spielt öfters Pfarrer: er verkleidet sich mit der schwarzen Schürze seiner Lieblingsschwester, der zwei Jahre älteren Christophine, und trägt sie wie einen Talar. Dann steigt er auf einen Stuhl und predigt so klug und lebendig, dass die erstaunten Anwesenden sogar sein freches Mundwerk verzeihen, mit dem er sie kritisiert.

Friedrich Schiller sollte noch vier Schwestern bekommen: Luise Dorothea Katharina, Maria Charlotte, Beate Friedrike und Caroline Christiane (Nanette).

Die zwei Mittleren sterben jedoch bereits als Kleinkinder.

„Bist du närrisch geworden, Fritz?“

... schimpft der Vater Johann Caspar mit seinem Sohn.

„Er ist schon 13, der Lümmel, was hat er denn jetzt angestellt?! Ein Gedicht verfasst! Noch dazu darüber, wie fromm seine Gefühle sind! Na, diese Art von Spinnerei wird dir der Herzog schon noch austreiben. Du wirst in die Karlsschule des gütigen Herzogs Karl Eugen von Württemberg aufgenommen! Da lernst du das, was du im Leben brauchst.“

Schillers Tag beginnt ab sofort morgens um 5.00 Uhr und endet um 21.00 Uhr. Dazwischen Unterricht, militärischer Drill und Gottesdienst.

Wie soll er da Dichter werden?

Er studiert erst Jura, dann Medizin und schließlich Philosophie. Er hat keine Schulferien und keinen Urlaub. Wer sich darüber beschwert, bekommt Schläge oder muss hungern.

Als fertiger Militärarzt in Stuttgart versorgt Schiller schließlich ein Bataillon von Invaliden und älteren Soldaten und muss eine Uniform nach altem preußischen Schnitt tragen.

„Die schönsten Träume der Freiheit werden im Kerker geträumt.“

Schiller ist 17 und von seinem starken Willen zeugt bereits ein trotziger Zug um seinen Mundwinkel. Sein Bett im Schlafraum der Hohen Karlsschule auf Schloss Solitude ist Nacht für Nacht leer. Schiller entdeckt den Vorteil des Krankseins: weil nachts nur im Krankensaal Licht brennen darf, meldet er sich häufig krank. Heimlich beugt er sich dann am Ende des Saales bei Kerzenlicht über Papierbögen und schreibt sie voll.

Der Gänsekiel knarzt und es werden immer mehr Blätter. Er schreibt, er streicht durch, er zerreißt. Drei Jahre lang. Dann hält er sein erstes Werk in der Hand, ein Drama.

Dessen Titel macht ihn stolz: „Die Räuber“.

Aber: wie daraus ein Buch machen? Er fragt Verleger, doch die lehnen ab, bis Schiller sich viel Geld borgt und es selber macht. Jetzt erscheint dieser trotzige Zug um seinen Mundwinkel noch etwas ausgeprägter.

Endlich ist der 13. Januar 1782 da, der glücklichste Tag in Schillers bisherigem Leben: das berühmte Mannheimer Theater spielt „Die Räuber“ mit großem Erfolg!

Ein Augenzeuge berichtet: „Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme. Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebel neue Schöpfung hervorbricht.“

Wie hätte Schiller da fern bleiben können?! Er besucht heimlich zwei Aufführungen in Mannheim, worauf ihn der Herzog Karl Eugen für 14 Tage ins Gefängnis steckt.

Da hat er viel Zeit nachzudenken. Das Ergebnis: Schiller will kein geldloser Regimentsmedikus bleiben. Er will freier Schriftsteller sein und beschließt zu fliehen.

„Des Menschen Wille, das ist sein Glück.“

Echte Freunde zeigen sich in der Not, und der junge Musiker Andreas Streicher ist ein echter Freund. Er flieht mit Schiller und die beiden kosten wochenlang vom bitteren Brot der Heimatlosen.

Wir schreiben das Jahr 1782. Wer ohne Geld reist, muss zu Fuß gehen. Und ab und zu die „Zeche prellen“. Schillers Schuldner- und Zechprellerkarriere beginnt.

Erschöpft und durchgefroren kommt Schiller in einem dünnen Mantel im Thüringischen Bauerbach an. Henriette von Wolzogen, die Mutter eines Mitschülers, nimmt Schiller auf ihrem Gut auf.

Er nimmt den Namen Dr. Ritter an, aus Angst, vom Württembergischen Herzog entdeckt zu werden. Er schreibt wieder Dramen und schickt sie fleißig – unter falschem Namen – an die bedeutenderen Theater.

Schiller und seine Gastgeberin frühstücken gerade auf der Veranda, als ein Reiter auf dem Gut auftaucht. Er trabt auf sie zu, sodass Schiller alias Dr. Ritter keine Zeit mehr hat, unbemerkt im Haus zu verschwinden.

Gut so, denn der Bote, der vom Pferd absteigt, zieht einen Brief mit rotem Siegel aus den Falten seines Rockes hervor. Er ist an den Gast adressiert. Schiller bricht das Siegel auf und wenig später zeigt er mit freudig errötetem Gesicht seine Einladung nach Mannheim.

Er soll dort Theaterdichter werden, das in Bauerbach verfasste Drama „Luise Millerin“ mitnehmen und 300 Gulden im Jahr verdienen!

Das ist genau, was er will. So fällt es ihm nicht schwer, Abschied zu nehmen, obwohl er sich in die Tochter des Hauses verliebt und bei deren Mutter Schulden aufgehäuft hatte.

„Alle Menschen werden Brüder.“

Im April 1785 sitzt Schiller in seiner Stube mit gesenktem Kopf und sieht ratlos und verzweifelt seine Schuhspitzen an. Er hatte sich mit dem Theaterintendanten Dalberg gestritten, auch die meisten Schauspieler hatten sich gegen ihn ausgesprochen. Er muss hier weg. Sie wollen ihn nicht mehr, der Theaterdichter hat ausgedichtet. Draußen triumphiert der Frühling, doch Schiller ist gerade vom kalten Fieber genesen. Ihm ist nicht nach Frühling.

Sein Blick fällt auf die Stapel ungeöffneter Briefe, einige kleine Päckchen sind auch dabei. Fanpost, die dem inzwischen berühmten Verfasser der „Räuber“ gilt.

Er macht einen Brief auf. „Theuerster aller Räuber“, so die Anrede in flammender Frauenschrift. Jetzt nicht, denkt Schiller und legt den Brief weg und greift nach dem Päckchen gleich daneben, in Seidenpapier gewickelt. Vier Porträts nimmt er nacheinander in die Hand, zwei Männer und zwei Frauen, klug und schön gezeichnet von zierlicher Hand.

Die Namen stehen auf dem Brief: Es ist der Leipziger Christian Gottfried Körner mit Ludwig Ferdinand Huber mit ihren Verlobten, den Schwestern Minna und Dora Stock.

Außerdem ein Notenblatt mit der Komposition des „Amalia“-Liedes aus den „Räubern“ und eine gestickte Brieftasche.

Als sie ihn einladen, bei ihnen zu wohnen, zögert Schiller nicht. Neun Tage rumpelt die Postkutsche mit ihm, ehe er in Leipzig bei den Freunden ist.

Es beginnt eine lebenslange Freundschaft, vor allem zu Körner. Schiller dankt auf seine Art, mit dem Gedicht „An die Freude“.

„Ich kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.“

Im Juli 1787 fährt Friedrich Schiller von Dresden nach Weimar ab. Er nimmt dabei nicht die gewöhnliche Postkutsche, sondern die teure Extrapost, gewissermaßen das Taxi unter den Kutschen. Er will so bald es geht die „drei Weimarer Riesen“ kennen lernen: Goethe, Wieland und Herder.

„Ich besuchte also Wieland, zu dem ich durch ein Gedränge kleiner und immer kleinerer Kreaturen von lieben Kinderchen gelangte.“

Wieland, fast dreißig Jahre älter, behandelt ihn wie einen alten Bekannten. So nimmt ihm Schiller nicht übel, dass Wieland seine Jugendwerke kritisiert. 

Bei Herder hat er nicht so viel Glück. Herder kennt ihn nicht, er behandelt ihn wie einen Menschen, „von dem er nichts weiter weiß, als daß er für etwas gehalten wird.“

Seine adelige Freundin Charlotte von Kalb ist Schillers Eintrittskarte zur Tafelrunde der Herzoginmutter Anna Amalia.

Die Tafelrunde findet jeden Montag statt. Sie ist der älteste gesellige Kreis in Weimar, das Forum für Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Künstler adliger oder bürgerlicher Herkunft.

Schiller wird beinahe täglich von Salon zu Salon gereicht. Dem jungen Dichter gefällt das Ganze nicht, aber er brennt darauf, einige wichtige Bekanntschaften zu machen. Schillers Manieren sind nicht tadellos: als er eine Unterhaltung für beendet hält, lässt er die Herzogin einfach stehen.

Schiller hofft, dass der Herzog Carl August als Mäzen ihm ermöglicht, dauerhaft als freier Schriftsteller zu arbeiten. Er lässt sich für viel Geld neue Kleidung schneidern, mit der er beim herzoglichen Paar Eindruck schinden möchte.

Doch der Herzog scheint von ihm nichts wissen zu wollen und, was Schiller noch mehr wurmt: Goethe genauso.

An Körner schreibt er:

„Dieser Mensch, dieser Goethe, ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich oft, dass das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muss ich bis auf diese Minute noch kämpfen.“

„Es steht und fällt ein Volk mit seinen Frauen.“

In Rudolstadt lernt Schiller die Lengefeld-Schwestern kennen, Charlotte und Caroline. Er verliebt sich in beide, obgleich die Ältere der Schwestern bereits verheiratet ist. Die jungen Frauen sind Schiller im Rang überlegen: der bürgerliche Dichter ist mittellos und keine gute Partie. Als der Herzog Carl August ihm 1790 den Titel eines Hofrates verleiht, kann Schiller schließlich heiraten.

Er wählt die Jüngere, Charlotte von Lengefeld und zieht mit ihr nach Jena.

An der Universität Jena unterrichtet Schiller seit 1789 als „Außerordentlicher Professor für Geschichte“. Goethe hatte ihn für die Professur vorgeschlagen, die aber zu Schillers Enttäuschung unbesoldet war.

Schiller ist der Popstar unter den Jenenser Professoren, die Studenten kommen scharenweise. Gleich bei seiner ersten Vorlesung ist der Hörsaal übervoll.

So müssen der neu ernannte Professor und die 300-400 Studenten zusammen in einen größeren Saal „umziehen“.

Heute ist die Jenenser Universität nach Friedrich Schiller benannt.

„Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer.“

1791 wird Schiller ernsthaft krank. Er hat eine lebensbedrohliche Lungen- und Rippenfellentzündung, die nie vollständig ausheilen wird. Er verdient kaum noch Geld.

Nachdem in Dänemark die - falsche - Nachricht von seinem Tod verbreitet wird, bemüht sich der dänische Dichter Bagersen um Unterstützung für den verehrten deutschen Dichter.

Daraufhin sponsert ihn das Dänische Königshaus drei Jahre lang mit 1000 Thalern jährlich und befreit Schiller mit einem Schlag von seinen Geldsorgen. Die Französische Republik ernennt ihn zum Ehrenbürger. Schiller bereist seine schwäbische Heimat. Charlotte von Lengefeld bekommt dort ihren ersten Sohn, Carl.

„Das Überraschende macht Glück.“

Es ist der 20. Juli 1794. Schiller nimmt an einer Sitzung der „Naturforschenden Gesellschaft“ in Jena teil, genau wie Goethe. Als er aufbricht, trifft er mehr zufällig als gewollt auf den Weimarer Dichterfürst vor der Tür. Die zwei Dichter sind seit Jahren sehr genau über das Wirken des jeweils anderen informiert. Doch näher gekommen sind sie sich nicht. Jetzt müssen sie einige Schritte miteinander gehen, das gebietet die Höflichkeit.

Es entspinnt sich ein Gespräch über Goethes Idee der „Urpflanze“, und dann über Gott und die Welt. „In unerwarteter Übereinstimmung“, wie Schiller später notierte.

Die berühmteste Freundschaft unserer Kulturgeschichte nimmt ihren Anfang. Für Schiller bedeutet diese Dichterfreundschaft sehr viel: Er schreibt, sie sei das „wohltätigste Ereignis“ in seinem ganzen Leben. Das Goethe- und Schiller-Denkmal in Weimar ist zum Symbol dieser Freundschaft geworden.

Der Dresdner Bildhauer Ernst Rietschel „schummelte“ allerdings, was die Größe der beiden Dichter betrifft. Das Denkmal zeigt sie gleich groß, dabei war Schiller mit seinen beinahe 190 cm gut einen Kopf größer als Goethe mit seinen 169 cm.

„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“

Goethe und Schiller besuchen sich von nun an oft und werden wechselseitig zum wichtigsten Kritiker ihrer Werke. 1795 geben sie gemeinsam die Zeitschrift „Die Horen“ heraus. Im darauf folgenden Jahr verfassen sie zusammen „Die Xenien“ und das Jahr darauf wird das berühmte Balladenjahr, das Jahr des Wettstreits der beiden Dichter um die schönste Ballade. Es entstehen u. a. „Der Handschuh“, „Die Bürgschaft“, „Der Taucher“.

„Ungleich verteilt sind des Lebens Güter.“

Es ist kurz vor Weihnachten 1799 in Jena. Es werden weiße Weihnachten, seit zwei Tagen schneit es fast ununterbrochen. Bei Schillers herrscht ein Betrieb wie im Bienenstock.

Menschen gehen ins Gartenhaus und kommen bis nach oben hin bepackt wieder heraus. Sie verstauen ihre Fracht in den Kutschen vor dem Haus. Die Kinder Carl und Ernst sitzen auf großen gepackten Koffern, inmitten von Körben und Kisten.

Baby Caroline schläft auf dem Arm der Mutter, die Schaukelt mit ihm sanft auf dem Schaukelstuhl. Sie warten darauf, in die Kutsche einzusteigen, die sie nach Weimar bringt. Dort steht das neue Haus bereit.

Es liegt in der Windischenstraße, einer der befahrensten Straßen damals. Schiller klagt über den Lärm der Kutsche und der Pferdehufen auf dem Kopfsteinpflaster, er hindert ihn beim Arbeiten.

Das Leben in Weimar ist teurer als in Jena.

So verdoppelt jetzt der Herzog Schillers ursprüngliches Jahresgehalt von 200 Thalern.

Schiller will nah am Weimarer Theater, nah an Goethe sein. Dem Publikum gefallen seine Stücke. Nach Goethes Erkrankung 1801 steigt Schiller in die Theaterleitung ein.

1802 kauft Schiller das Haus direkt an der Esplanade in der heutigen Schillerstraße mit viel Grün drum herum und einem kleinen Garten für die Kinder.

Im selben Jahr wird ihm von Kaiser Franz II. der Adelstitel verliehen, er heißt nun Friedrich von Schiller. Zwei Jahre später wird hier Tochter Emilie geboren.

Von Krankheitsanfällen geplagt, kämpft Schiller dafür, sein Haus abzubezahlen und Charlotte und die Kinder von Geldsorgen zu befreien. Als er einen Ruf aus Berlin erhält, wo er die märchenhafte Summe von 3000 Thalern im Jahr bekommen soll, erhöht Carl August sein Gehalt auf 800 Thaler und Schiller bleibt.

„Ach, es geschehen keine Wunder mehr!“

Am 9. Mai 1805 stirbt Friedrich Schiller im Alter von nur 45 Jahren an seiner schweren Krankheit. Die Farbe der Tapete in seinem Arbeitszimmer, „Schweinfurter Grün“ genannt, ist derart giftig, dass sie zu seinem frühen Tod beiträgt. Sie enthält einen regelrechten „Giftcocktail“ an Schwermetallen: Kupfer, Arsen, Blei und Quecksilber. Die ärztliche Untersuchung ergibt, dass Lunge, Herz, Leber, Galle, Milz und Nieren sehr befallen, teilweise sogar „aufgelöst“ sind.

Schiller wird in der Nacht zum 12. Mai 1805 in einem Gemeinschaftsgrab der Weimarer Jakobskirche beigesetzt.

Charlotte bleibt bis zu ihrem Tod 1826 im Haus wohnen. Nach ihrem Tod verkaufen die Kinder das Elternhaus.

Die Stadt Weimar erwirbt das Schillerhaus 1847 und gestaltet das erste öffentlich zugängliche Literaturmuseum.