Topf und Deckel

Zwei junge Männer stehen auf dem Markplatz und knallen mit ihren Peitschen um die Wette. Der Knall wird von den Häusern doppelt und dreifach zurückgeworfen, die Augen der Männer blitzen wild, es ist ein Heidenspaß.

Und: ein klarer Fall für die Gendarmen, die einem solchen Vergnügen in der Regel ein schnelles Ende bereiten. Aber nicht in diesem Fall.

Denn die beiden Vögel sind keine Geringeren als der regierende Herzog Carl August mit seinem Freund Johann Wolfgang Goethe!

Um sie herum steht eine gaffende Menge: Sie verfolgen das wilde Treiben und beäugen die feine englische Kleidung der jungen Männer. Die ist ja auch etwas Besonderes: blauer Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste, braune Stulpenstiefel und runder Filzhut.

Wer diese Kleidung trägt, will der Welt sagen, dass er anders denkt und fühlt als die meisten. Wie der Held in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Aber das wissen die Herumstehenden nicht, sie halten das für eine Marotte derer, die viel zu viel Zeit und viel zu viel Geld besitzen.

„Ein edler Wein, aber noch in gewaltiger Gärung“ nennt Goethe 1828, im Todesjahr Carl Augusts, seinen Freund.

„Auf Parforcepferden über Hecken, Gräben und durch Flüsse, und bergauf bergein sich tagelang abarbeiten, und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im Walde; das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm nichts, aber hätte er sich eins erringen, erjagen und erstürmen können, das wär ihm etwas gewesen.“

Goethe hätte seinen Herzog nicht treffender beschreiben können. Aber wie ist diese Freundschaft entstanden?

Carl August lernt den jungen Rechtsanwalt Johann Wolfgang Goethe 1774 in Karlsruhe kennen, zur selben Zeit wie auch seine Braut, die spätere Herzogin Louise. Der Herzog bewundert den berühmten Verfasser des „Werther“ und lädt ihn nach Weimar ein.

Womit er vielleicht gar nicht so fest rechnet: Im November 1775 kommt Goethe tatsächlich – und bleibt. Er ist klug, hat Witz und Geist und ist sich – obwohl acht Jahre älter als der Herzog – für keinen Spaß zu schade.

Carl August gibt Goethe nach kurzer Zeit Macht an die Hand: Er ernennt ihn zum Geheimen Legationsrat, mit Sitz und Stimme im Geheimen Konsilium. Das Geheime Konsilium trifft sich einmal wöchentlich und entscheidet über alle Probleme des Ländchens. Goethe ist dort einer von vier, doch der Präsident des Konsiliums, Jakob Friedrich von Fritsch, findet den Eindringling unmöglich undbeschwert sich beim Herzog. Doch Goethe macht seine Arbeit so gut, dass er bald auch den alten Fritsch auf seine Seite zieht.

Die Verbindung zum großzügigen Herzog ist für einen jungen Dichter wie Goethe großes Glück.

Doch die Freundschaft der beiden Männer kommt auch Carl August zugute. Goethe ist es, der ihm Augen und Ohren für die Probleme des Landes öffnet. Darauf hin verbessert er die Bedingungen für Viehzucht, Ackerbau und Industrie.

Diese ungewöhnliche Freundschaft gibt den Bürgern der Stadt reichlich Gesprächsstoff.

So erzählt man sich, wie der neunzehnjährige Carl August mit Goethe zusammen durch das Land zieht. Abends am Haus eines Kaufmannes angekommen, geben sie sich nicht zu erkennen. Das Haus steht an einem Hang und die beiden Spaßvögel haben einen Geistesblitz! „Wir rollen die Fässer des Kaufmanns den Berg hinunter!“ Gesagt, getan. Und schon rollen Fässer und Tonnen, voller Pfeffer, Ingwer, Zucker, Kaffee und Tabak, den Berg hinunter. Der Kaufmann ist außer sich, wird aber mit einem Geldstück entschädigt.

Bei einem Bauer schneidet Goethe ein in Öl gemaltes Gesicht in der guten Stube aus dem Rahmen und schiebt sein eigenes, braungebranntes Gesicht mit wild funkelnden schwarzen Augen ins Bild. Sehr zum Ärger des Bauern.

Wilde Ritte durch das Ländchen lieben beide, ebenso sehr nackt in Flüssen zu baden und im Zelt zu übernachten. Mit Bauernmädchen zu feiern, Maskeraden zu veranstalteten und Theater zu spielen.

Kräfte zu messen bei Pferderennen, Stelzengehen, Raufen, und bei winterlichen Temperaturen in der Ilm zu baden.

Das „Weimarer Genietreiben“ lockt weitere „Genies“ an: Künstler, Schriftsteller, Gelehrte aller Art, die in Weimar gut aufgenommen werden. Der Kaufmann Justin Bertuch, der Schatzmeister des Herzogs, muss eine extra Abrechnung anlegen, für all die Hosen, Westen, Schuhe und Strümpfe für die neu angekommenen Genies, die aus der Hofschatulle bezahlt werden.