Schlangenstein-Sage

Die Sage über die Riesenschlange wird in Weimar seit jeher erzählt. Großmütter berichteten darüber ihren Enkeln und diese gaben sie ihren Kindern weiter.

Im Dornengestrüpp des Ilmparks hauste eine riesengroße, gefräßige, immer hungrige Schlange. Die Weimarer mieden das Gestrüpp, das damals noch vom Moor umschlossen war.

Mutige Männer zogen aus, um die Schlange zu erlegen, doch viele ließen ihr Leben. Ein junger Adliger, der seiner Herzensdame als Liebesbeweis den Kopf der Schlange schenken wollte, kam auch nie wieder.

Doch da trat Fritz Nasespitz, der junge Bäckergeselle, auf den Plan. Er war voller Tatendrang und wollte so schnell wie möglich ein Held werden. Er wusste nur nicht wie. Eines Tages verschluckte er sich beim Frühstück an einem frischen Brötchen.

Er war schon ganz blau im Gesicht, als ihm der Bäckermeister mit einem wohlgezielten Schlag auf den Rücken aus der Patsche half.

„So einen großen Kerl bringt doch nicht ein Stück Brot um!“, lachte der Bäckermeister.

„Aber fast!“, dachte der Bäckerjunge.

Da kam ihm die Idee! So ein kleines Brötchen könnte vielleicht sogar die Schlange töten, mit den richtigen Zutaten!

„Auch wenn ich nicht stärker bin als die Riesenschlange, schlauer bin ich allemal!“, sagte sich der Bäckerjunge und dachte ganz fest nach.

Nach Feierabend schlich er in die Bäckerstube, häufte Mehl auf das Knetbrett und drückte eine Mulde in die Mitte. Da hinein gab er diesmal nicht nur Hefe und warme Milch, sondern noch sieben Löffel Rattengift. Dabei hielt er sich die Nase zu, denn das Zeug stank wie die Pest. Er knetete den Teig und buk dann sieben schöne Brötchen.

Die dufteten nun wiederum genauso wie die, die jeden Tag über den Ladentisch gingen. Aber diese waren nur für die Schlange bestimmt.

Er wickelte sie sogleich in ein Tuch und eilte schnell zum Park, dorthin wo er die Schlangenhöhle vermutete. Kaum dass er das Tuch aufband, lockte der Duft der Brötchen die Schlange hervor.

Erst hörte Fritz Nasespitz das Laub rascheln, dann das Knacken trockener Zweige, und als er schon weglaufen wollte, fühlte er sich schon umschlungen vom riesigen, kräftigen Körper der Schlange. Die Schlinge wurde immer enger.

So warf er das erste Brötchen herunter, mitten hinein in den Rachen des Monsters. Es verschlang das duftende Backwerk, alle sieben hintereinander, die ihm Fritz rasch weiter zuwarf.

Jetzt blitzten die bösen Augen der Schlange den Bäckerjungen an, als wollte sie ihn zum Nachtisch verspeisen. Doch dann, als hätte sie Feuer im Bauch, bäumte sie sich auf, wälzte sich am Boden.

Hätten Schlangen eine Stimme, so hätte diese gewiss fürchterlich geschrien. So war ihr Leiden stumm.

Fritz Nasespitz, bisher unbewegt, spürte, dass sich die Umklammerung lockerte, aber weglaufen konnte er immer noch nicht.

Teils die Angst, teils das höllische Schauspiel lähmten ihn, als wäre er versteinert. Die Schlange lag nach kurzer Zeit, erstarrt in ihrem letzten Krampf, leblos da.

Die Nachricht vom Tod der Schlange verbreitete sich in Weimar schneller als ein Lauffeuer. Die Weimarer feierten Fritz Nasespitz wie einen Helden. Ihre Brötchen kauften sie von nun an immer bei Fritz, natürlich ohne Rattengift.

Und sie hörten nie auf, die Geschichte von der Schlange und dem schlauen Bäckerburschen ihren Kindern und Kindeskindern weiter zu erzählen.

Eines Tages ließ der Herzog Carl August an die besagte Stelle im Park den so genannten „Schlangenstein“ setzen, damit er an die Tat von Fritz Nasespitz erinnerte. Für die Weimarer wurde der „Schlangenstein“ ein Symbol für die Klugheit einfacher Menschen.