Goethe als Ilmnixe

Als mein Freund Goethe im Mai 1776 nach Weimar kam, war er schon ein bekannter Dichter. Seinen „Werther“ kannte jedermann, aber er war als junger Mann immer für einen Scherz zu haben.

Er erzählte mir diese kleine Begebenheit aus seiner ersten Weimarer Zeit: Goethe nahm gern ein erfrischendes Bad, sobald sich ihm in Flüssen oder Seen die Gelegenheit dazu bot.

Baden war damals nicht üblich, aber es stärkte seine Lebensgeister, und ich habe mich davon auch überzeugt. Seit er das Gartenhaus im Ilmpark bewohnte, haben wir oft in der eiskalten Ilm gebadet.

Es war ein warmer Sommertag. Dunkelheit umfasste die Baumkronen und die Sterne standen hoch oben auf dem Nachthimmel. Goethe liebte diese Stunde, um den Tag mit einem Sprung in die Ilm zu beenden. Er bemerkte einen Mann, der aus der Stadt kam und über die Ilm gelangen wollte.

Die Floßbrücke, unter der Goethe gerade schwamm, war aber nachts mit Gittertoren verschlossen und so war der Mann bemüht, über diese Gitter zu steigen.

Goethe, immer zu Späßen bereit, tat als wäre er eine Nixe: Er planschte und ließ das Wasser rauschen, warf seine langen Haare in den Nacken und rief den Mann zu sich in die Ilm.

Zu Tode erschrocken rief dieser: „Eine Nixe! Eine Nixe! Sie will mir ans Leben!“

Daraufhin lief er, so schnell ihn seine Beine trugen, zurück in die Stadt und erzählte jedem, dem er begegnete, was ihm geschah. Seine Geschichte machte schnell die Runde und die leichtgläubigen Menschen trauten sich spätabends nicht mehr an die Floßbrücke. Selbst dann nicht, als Goethe später seine Tat aufdeckte.