Liebe Besucher,

kommt mit mir zum Borkenhäuschen, meinem Lieblingsplatz im Park!

Ich habe es „Luisenkloster“ genannt, nach meiner Frau Luise. Die Herzogin Luise ist zwar keine Nonne, aber dieses Häuschen ist wie eine Einsiedelei, findet ihr nicht auch?

Goethe und ich haben es einst eilig aufgebaut, um Luises Namenstag an einem besonderen Ort zu feiern.

Der Sommer 1778 war sehr heiß. Mein Freund Goethe und ich suchten nach einem lauschigen, schattigen Plätzchen für das festliche Picknick. Eine Gruppe alter Eschen scheint auf uns gewartet zu haben. Ihre wogenden Kronen spendeten großzügig Schatten und wir hatten unseren Platz für die Feier.

Goethe sagte, hier passe eine Einsiedelei hin und aus Worten wurden Taten.

In wenigen Tagen haben wir es aus dem Boden gestampft: dieses kleine, runde Häuschen aus Holz, mit Stroh überdacht und mit Moos verkleidet.

Und wir verkleideten uns – passend zum Häuschen – zu Mönchen.

Der 9. Juli war bald da: Luises Namenstag.

Wir, das heißt mein Bruder Constantin, Knebel, unser Erzieher, der Stallmeister von Stein und Goethe, zogen uns Mönchskutten an, banden sie an der Hüfte mit einfachen Seilen fest und setzten uns Mönchsperücken auf.

So empfingen wir die Festgesellschaft, die aus der Herzogin Luise, ihren Hofdamen und einigen der Höflingen bestand. Auch die Herzoginmutter Anna Amalia war geladen mit ihrer Ersten Hofdame Luise von Göchhausen.

Ach, welche Überraschung unser Mönchsgewand hervorrief! Das Häuschen wurde neugierig betrachtet und Luise war sehr geschmeichelt, dass wir sie mit so viel Tamtam feiern. Und sie hatte allen Grund dazu. Denn zuerst hat jeder von uns „Mönchen“ die Gesellschaft mit einigen, von Goethe geschriebenen Versen begrüßt.

Aber als wir dann die Tür des „Klosters“ aufmachten und die feinen Damen und Herren zu Tisch baten, wurden die Gesichter lang vor Enttäuschung.

Denn alles, was wir „Mönche“ in unserer bescheidenen Einsiedelei auftischen konnten, war eine Bierkaltschale und einige Teller und Löffel auf einem einfachen Tisch.

Ich muss heute noch lachen, als ich die langen Gesichter sah. Die Gräfin Giannini verdrehte theatralisch ihre Augen, einige der Damen tuschelten. Die einfache Bierkaltschale war nicht ganz nach dem Geschmack der feinen Damen!

Nur meine Luise bewahrte Fassung und wollte schon am Tisch ihren Platz einnehmen.

Doch dann riss ich die hintere Tür der Einsiedelei wie einen Theatervorhang auf: unter freiem Himmel bog sich ein prunkvoll gedeckter Tisch unter den leckersten Speisen, die die herzogliche Küche hergab. Die Minen hellten sich auf, begeistert klatschten die Damen Beifall und lobten unser gelungenes Spiel.

In demselben Augenblick ertönte Musik, eine ganze Kapelle brachte Luise ein Ständchen zu ihrem Namenstag. Im Schatten der Eschen verbrachten wir den Rest des Tages, spielend, speisend, mit Musik und Tanz.

Das Borkenhäuschen dient mir bis heute immer wieder als Rückzugsort. Wenn ich einmal für mich sein will, nehme ich meine Hunde mit und komme hierher.

Jetzt, sechs Jahre später, ist das eine wunderschöne Parkanlage geworden und viele Wege führen zum Häuschen. Vielleicht sehen wir uns hier eines Tages wieder!